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Hat sich die Politik verrechnet?

20.7.2021

In einem offenen Brief an die EU-Kommission weisen 170 Wissenschaftler auf eine fehlerhafte Berechnung der CO2-Emissionen von Elektrofahrzeugen hin. Das Problem: Die Stromlücke, die durch immer mehr elektrische Geräte – inklusive Automobile – entsteht, könne nur durch fossile Energien geschlossen werden.

Einer der Verfasser des Schreibens ist Professor Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Das Institut ist eine von zehn deutschen Hochschulen, die den Titel „Exzellenzuniversität“ tragen, und erreicht in internationalen Universitätsrankings stets Spitzenplätze.

„Die Frage ist nicht: Elektroauto oder Verbrenner. Die Frage ist: fossil oder nicht“, sagt Professor Thomas Koch. Die gängigen Berechnungen würden die CO2-Belastung durch zusätzliche elektrische Verbraucher weitaus niedriger aussehen lassen, als sie in Tat und Wahrheit sei. Denn das Energiesystem der Zukunft setzt viel stärker auf Strom als heute: Wärmepumpen ersetzen Öl- und Gasheizungen, Elektrofahrzeuge ersetzen Verbrenner, um zwei Beispiele zu nennen. „Mit der vorhandenen elektrischen Energiebereitstellung von Photovoltaik und Windkraft, die wir natürlich nach Kräften ausbauen sollten, schaffen wir es nicht ansatzweise in den nächsten Jahren, die vorhandenen elektrischen Verbraucher im Jahresmittel und in Summe zu bedienen“, so Professor Koch. Resultat: Die entstehende Stromlücke lasse sich nur durch fossile Energien schließen, nämlich mit Strom aus Kohle- und Gaskraftwerken. Und das bedeute, dass die realen CO2-Emissionen viel höher seien, als von der Politik veranschlagt – bis doppelt so hoch.

Die deutsche Regierung will bis 2030 nicht nur 10 Millionen Elektroautos auf die Straße bringen, sondern auch Industrie und Heizungen rasch von fossilen Energieträgern auf Strom umstellen. Das bedeutet, dass es im Jahr 2035 auch bei intensivem Ausbau der regenerativen Energien in 5000 bis 6000 von 8760 Stunden im Jahr neben Ökostrom auch mehr Strom aus fossilen Kraftwerken brauche, erläutert Professor Koch im Interview mit der Website auto-medienportal.de. Das habe die Politik in ihren Debatten und Rechnungen aber übersehen und auf jeden Fall nicht mitgerechnet. Die Verfasser des Briefs sprechen sich für eine Technologieoffenheit aus, also auch für Autos, die mit Wasserstoff oder synthetischen Treibstoffen fahren, sowie für Hybrid-Fahrzeuge.

Der Zeitpunkt des offenen Briefes an die EU-Kommission ist nicht ohne Brisanz. Im Rahmen des „Green Deal“ will die EU die Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors bis 2050 um 90 Prozent senken; nun steht die konkrete Detailumsetzung an. Entsprechend heftig fielen teilweise die Reaktionen auf den Brief von Professor Thomas Koch und seinen Kolleginnen und Kollegen aus. „Quatschmathematik“ schreibt beispielsweise Christoph Schreyer, Leiter der Sektion Energieeffizienter Verkehr beim Bundesamt für Energie, auf LinkedIn. Als „hochgradig peinlich“ und „Lobbyistenschreiben“ bezeichnet Christian Rehtanz, Leiter des Instituts für Energiesysteme, Energieeffizienz und Energiewirtschaft an der TU Dortmund, den Brief.

Beharren auf der absoluten Wahrheit hier, ideologische Unverrückbarkeit da. Was im Gezänk auf der Strecke bleibt, ist eine simple Tatsache: Nicht die Antriebstechnologie ist entscheidend für die Klimabilanz eines Autos, sondern die genutzte Energie – die sollte, wenn immer möglich, erneuerbar sein. Daher machen hier erneuerbarer Strom genauso wie erneuerbare Gase und Biogas Sinn.

Quelle: gaz energie

 

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